Raimund von Stillfried und Rathenitz

Lebenslauf Raimund von Stillfried (1839-1911)

 

Geboren 1839 in Komotau (Chomutov), Tschechien; Sohn des österreichischen Leutnantfeldmarschalls August Wilhelm von Stillfried-Rathenitz (Prag 1806-1897 Wien) und der Gräfin Maria Anna Clam-Martinicz (Prag 1802-1874 Kralitz/Kralice nad Oslavou, Mähren)

 

1851 (12jährig) als Kadett auf die Marineakademie in Triest – nebenbei Malereiunterricht bei Bernhard Fiedler (1816-1904)

 1856 Übersiedlung nach Linz – nebenbei Zeichenunterricht bei Josef Maria Kaiser (1824-1893); 1859 Leutnant des 36. Infanterieregiments; 1861 Oberleutnant; 1862 Wechsel zum 42. Infanterieregiment; Okt. 1862 Hauptmann des 50. Infanterieregiments

 

1863 freiwilliger Austritt aus der Armee; reist als Schiffsjunge mit der Bremer Barke Inka nach Peru; arbeitet als Jäger, Pelzhändler und Schiffsbauer in Südamerika

1863-64 Reisen nach China, Japan, USA; trifft in Nagasaki 1864 den Berliner Maler Eduard Hildebrandt (1817-1868)

1865 Lagerverwalter bei der holländischen Textilfima Textor & Co. in Nagasaki

1866-68 als Leutnant in der mexikanischen Armee Kaiser Maximilians im Kavallerieregiment der „Roten Husaren“ unter Graf Khevenhüller in Mexiko City; 1867 Exekution Kaiser Maximilians in Queretaro

1867 nach August kurze Rückkehr nach Wien; Sept.-Dez. zweiter Japanaufenthalt; wieder Lagerverwalter bei Textor & Co. in Nagasaki

 1868 Aufenthalte in Yokohama, Shanghai und Peking, wo er Assistenzdienste an der deutschen Gesandtschaft versieht; im selben Jahr wahrscheinlich Rückkehr nach Nagasaki

1869-1870 wird von der amerikanischen Reiseschriftstellerin Margarete Weppner als „German Nobleman“ in Yokohama und Jeddo (=Tokio) erwähnt und lobend hervorgehoben: arbeitet zwischenzeitlich an der norddeutschen Botschaft in Tokio und als Berichterstatter für die österreichische Regierung

1869 Österreichisch-Ungarische Ostasien-Expedition erhält von Stillfried in Yokohama und anderen Orten bedeutende Unterstützung

1871 gründet in Yokohama ein das Fotostudio Stillfried & Comp.; vorher wahrscheinlich kaum Erfahrung mit Fotografie; möglicherweise Unterricht bei Felice Beato (1832-1909; seit 1863 in Yokohama); schon in diesem Jahr bringt er jedoch eine Ansichtenserie auf den Markt

1872-73 Affäre um das Porträt des Kaisers Meji, den Stillfried ohne offizielle Genehmigung auf einer Inspektionsreise nach Yokosuda fotografiert; die japanische Regierung versucht die Publikation zu verhindern, wendet sich an den britischen Konsul Russell Brook und den österreichischen Minister Resident Baron Calice, doch Stillfried beruft sich auf seine amerikanische Staatsbürgerschaft, für die es vor Ort keine Autorität gibt

1872 Zweimonatige Reise durch Hokkaido auf Ansuchen des Präfekten Kiyotaka Kurode; Mitglied der Photographischen Gesellschaft in Wien

1873 Stillfried reist mit 3 Geishas und 2 japanischen Tischlern zur Weltausstellung nach Wien; lässt im Prater ein Japanisches Teehaus aufbauen, in dem er seine Fotografien und andere Mitbringsel aus Japan zeigt; erhält die Fortschrittsmedaille und den Kaiser Franz Joseph-Orden; schenkt der Photographischen Gesellschaft in Wien fotografische Ansichten von Yokohama

1874 über Hong Kong Rückkehr nach Yokohama; Teilnahme an der österreichische Expedition zur Beobachtung des Venus-Durchgangs;

Stillfried verkauft in seinem Laden in Yokohama außer fotografischen Artikeln auch Kunsthandwerk (Leder-, Bronzewaren, Klaviere) aus Wien; seine wichtigsten Mitarbeiter sind Wilhelm Willmann, H. Hemmstede (Retusche) und Hermann Andersen (ab 1875 Kompagnon, seit 1876 Japan Photographic Association); in der Blütezeit des Ateliers gibt es bis zu 38 Angestellte

 1875 Reise nach Shanghai; erhält den Titel eines k.k. österreichisch-ungarischen Hoffotografen

1876 Reisen nach Shanghai und (mit Richard Ritter von Drasche-Wartimberg und Graf Zichy) auf die Tempelinsel Enoshima

1877 Zerstörung der Geschäftsräume der Japan Photographic Association durch ein Feuer; Felice Beato verkauft seinen Laden und sein Negativarchiv an Stillfried und Andersen; im Juni Reise nach San Francisco und Philadelphia (wo sein älterer Bruder Franz mit der Französin Jeanne M.E. Cluzelle lebt); Weiterreise nach Europa (Amsterdam, Berlin, London, Wien)

1878 April Teilnahme von Stillfried und Andersen an der Pariser Weltausstellung, auf der sie mit großen japanischen Ansichten brillieren; über Marseille, Neapel, Port Said, Suez, Aden, Galle, Singapur, Saigon und Hong Kong zurück nach Yokohama; Auflösung der Geschäftspartnerschaft mit Hermann Andersen

1878-79 Lehrer für fotomechanische Reproduktionstechniken an der mit seiner Hilfe nach österreichischem Vorbild neu gegründeten Japanischen Staatsdruckerei

1879 zeitweise in Tokio arbeitend; bewegt sich in Gesellschaft vornehmer Auslandsdeutscher und deutscher Touristen; Bruder Franz zieht aus Philadelphia zu und etabliert ebenfalls ein Fotoatelier in Yokohama

1880-1883 hauptsächlich in Kontinentalasien tätig, nachdem er sich mit Hermann Andersen geeinigt hatte, dass dieser nur in Japan, Stillfried nur in China fotografieren und mit Fotografien handeln dürfe; bereist Sibirien; arbeitet in Shanghai, Hong Kong und in Bankok, Siam (=Thailand), u.a. für den König von Siam als Gemälderestaurator

 1883 bleibende Rückkehr nach Wien; lässt in Yokohama eine „Hausfrau“ und zwei Töchter zurück; heiratet Helene Jankovich de Jeszenicze (2 Kinder: Alice Franziska Eugenie Marie 1885-1964; Alfons 1887-1974)

1885 Hermann Andersen und Franz Stillfried verkaufen ihre Firmen an Farsari & Co., dessen Räume 1886 durch einen Brand zerstört werden; Franz kehrt 1889 wieder nach Philadelphia zurück; Raimund Stillfried wird Mitglied der Geographischen Gesellschaft in Wien und stellt Aquarelle und Fotografien im Österreichischen Kunstverein aus

1889-90 letzte große Fotoreise durch Griechenland, Bosnien und Dalmatien; wohnhaft in Wien in der Reichsratstraße 27

1891 Teilnahme an der Internationalen Ausstellung künstlerischer Photographien in Wien

1893 10 Holzstiche nach Stillfrieds Fotos von Bosnien und Herzegowina zu dem Aufsatz von Adolph Flachs „Aus Neu-Oesterreich von Serajewo nach Mostar“, in: Illustrierte Zeitung No. 2632, 9. Dezember 1893, S. 696ff.; wohnhaft in Wien 18, Cottagegasse 28; betreibt eine Restaurierwerkstatt auf dem Liechtenstein‘schen Schloss Feldsberg, Tschechien

1895 malt das Aquarell „Das Innere der Stefanskirche“

1898 malt das Aquarell „Das Innere der Hofbibliothek“

1895 malt die Ölfassung „Das Innere der Stefanskirche“

1902 wohnhaft in Wien 18, Gentzgasse 9; malt hauptsächlich Interieurs

1911 gestorben in Wien; Helene Jankovich de Jeszenicze schenkt dem Museum für Völkerkunde in Leipzig 134 Fotos ihres Mannes von Japan und China sowie 24 Aquarelle

Literatur:

Luke Gartlan

With argus eyes. The early life and work of Baron Stillfried-Ratenicz (1839-1911), Phil.Diss., University of Melbourne, 2003.

ders.

A chronology of Baron Raimund von Stillfried-Ratenicz (1839-1911), in: John Clark (Hg.), Japanese exchanges in art, 1850-1930, with Britain, continental Europe, and the USA: papers and research material, Sydney 2006.

Alfons Stillfried, die Stillfriede. Drei Jahrhunderte aus dem Lebensroman einer österreichischen Familie, Wien, Europäischer Verlag, 1965.

 

Zu den Werken in der Albertina (Wien):

Die Japanischen Aufnahmen stammen aus dem Besitz der Photographischen Gesellschaft in Wien, der sie Stillfried in den 1870er Jahren geschenkt hatte. Sie wurden 1930 an die heutige Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt weitergegeben, die ihre historischen Sammlungen 1999 der Albertina als Dauerleihgabe anvertraut hat.

Die Aufnahmen aus Bosnien und Herzegowina gehören zu den alten Bibliotheksbeständen der Albertina, wo sie in der Abteilung der „Vues“ (= topografischen Ansichten) aufgestellt waren. Sie liegen nunmehr aus konservatorischen Gründen in der Fotosammlung.

Raimund-Albertina